Sonntag, 2. Oktober 2016

Kulthüringen 2011

Nachdem der folgende Reisebericht im Printbereich der Bikerbörse abgedruckt wurde, möchte ich ihn auch hier online veröffentlichen:

Mit dem Motorrad in die Berge, das ist für uns Berliner und Brandenburger leider nichts für eine kleine Feierabendrunde. Aber wer mal ein verlängertes Wochenende zur Verfügung hat, kann durchaus auf seine Kosten kommen. In nur wenig mehr als zwei Stunden Anreisezeit liegt mit dem Thüringer Wald ein äußerst interessantes Ziel fast schon vor unserer Haustür. Dabei muss man sich nicht nur auf gut ausgebaute Straßen und das kurvige Überwinden zahlreicher Höhenmeter beschränken: Thüringen hat ein viel breiteres Spektrum zu bieten, wie ich zusammen mit Simone Gottwald, der Inhaberin vom motorradhotel-berlin.de, im wahrsten Sinn des Wortes auf einer viertägigen Rundreise erfahren durfte.

Wir haben zur Zeitersparnis die Anfahrt über die BAB 9 gewählt, um diese bei Weißenfels zu verlassen. Anschließend steuern wir direkt das sachsen-anhaltinische Naumburg mit dem berühmten Dom an: Passionierte Fans von Kreuzworträtseln kennen die Naumburger Domfigur mit drei Buchstaben bestens. Ein Besuch dieses Doms bietet sich aufgrund seiner architektonischen Besonderheiten an: Wo sonst findet man schon skurril zu bezeichnende Verzierungen an Treppengeländern, die man am wenigsten in einer Kirche erwarten würde? Aber auch der Epochenwechsel, der während der Bauphase stattfand und noch heute an den unterschiedlichen, sich quasi entwickelnden Fenstern nachvollziehbar ist, können Entdeckerlust während des ersten Stopps schüren.


Fast müssen wir uns zwingen, wieder auf das vor dem Dom abgestellte Motorrad zu steigen, so sehr lockt die sich am Fuße des Bauwerks anschließende Fußgängerzone mit gemütlichen Cafés und Geschäften, die zum Flanieren einlädt. Aber wir haben ja noch einiges vor, so dass zügig die Strecke in Richtung Apolda und Jena in Angriff genommen wird. Hier erwarten uns erste Hügel, zwischen denen wir uns auf unserem Reisedampfer hindurchschlängeln. Nach dem ersten vorsichtigen Vorgeschmack, was uns auf den folgenden Kilometern erwarten wird, mahnt uns schon bald aufkeimender Hunger, dass wir auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen lassen dürfen.

Wie gerufen kommt dann die Papiermühle in Jena, die neben einem gemütlichen Pensionsbetrieb vor allem mit einem Restaurant mit typischen Thüringer Gerichten und einer eigenen Brauerei zu punkten versteht: Eigentlich sollte man hier besser am Ende einer Etappe einkehren, um die Vielfalt des hier gebrauten Jenaer Bieres probieren zu können. Nach einer alkoholfreien und nahrhaften wir schmackhaften Mittagspause nehmen wir wieder Kurs Südwest. Nach einem Schlenk über Arnstadt und seine bezückende Altstadt fahren wir nach Erfurt, der Hauptstadt Thüringens.

Allein hier könnte man gut mehrere Tage verbringen, um dem Kulturreichtum gerecht zu werden. Natürlich bestaunen wir auch hier den Dom, neben dem auf dem Domberg thronend gleich eine weitere Kirche sich gegen den Himmel des Spätnachmittags am oberen Ende der langen Treppe abzeichnet. Uns lockt es aber in die liebevoll restaurierte Altstadt mit ihren Kleinoden, so zum Beispiel dem Waidhaus: Nur wenigen dürfte bekannt sein, dass im Umland von Erfurt lange Zeit ein Zentrum der Färbeindustrie existierte.


Natürlich spazieren wir auch über die Krämerbrücke, die längste zusammenhängende bebaute Brücke. Wir merken es kaum, so faszinieren uns die kleinen Lädchen, die den Straßenverlauf schmücken. Und wer die Zeit dazu findet, dem sei der Besuch der feinen Schokoladen- und Pralinenmanufaktur am Ende der Brücke wärmstens empfohlen: Selbstgemachte Schokoladen unterschiedlichster Geschmäcker und in verschiedensten Formen verursachen wonnig verdrehte Augen. Ist es eigentlich ein Vor- oder ein Nachteil, dass in den Motorradkoffern kaum Platz ist, um Mitbringsel zu verstauen?


Bekanntlich haben im heutigen Thüringen zahlreiche deutsche Künstler, insbesondere Komponisten und Literaten, gelebt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass während unserer Rundreise die Thüringer Bach-Wochen stattfinden: Wir nutzen die Gelegenheit, um die kulturelle Vielfalt dieser Region in der Mitte Deutschlands um den Genuss eines Bach-Konzert zu erweitern.

Abends steuern wir dann mit dem Hotel Burg Edelhof in Großliebringen, einem kleinen Örtchen bei Ilmtal im Thüringer Wald, unsere erste Unterkunft an. Uns fasziniert die mittelalterliche Atmosphäre dieser ältesten Wasserburg Thüringens, bei der die Veranstaltungs- und Wirtsräume in den Gewölben der unteren Etage besonders beeindrucken. Hier sind sogar spektakuläre Trauungen mit anschließender Feier unter der Gewölbedecke der urigen Tanzbar möglich. Mit dem großen Platz unmittelbar vor dem Eingang bietet sich dieses Haus insbesondere für größere Gruppen von Motorradfahrern als gut gelegene Unterkunft an.


Für den zweiten Tag unserer Rundreise haben wir uns einiges vorgenommen: Zunächst steuern wir über den Rennsteig und vorbei an Ohrdruf und dem immer besonders kalten Friedrichroda (Zitat eines Einwohners: „Wir haben zwar in jedem Jahr elf Monate Winter, aber ansonsten ist die ganze Zeit über Sommer“) Eisenach an. Die schon von weitem sichtbare Wartburg steht selbstverständlich auf unserem Programm. Nicht nur die beeindruckende Gebäudegestaltung (sehr selten ist eine Gebäudewand gleichzeitig auch Außenwand einer Burg), sondern vor allem auch die Führung durch die unterschiedlichen Räumlichkeiten dieser historischen Stätte sprechen uns an. Natürlich suchen auch wir nach dem Tintenfleck, der von Luthers Wurf eines Tintenfasses nach dem Teufel in seinem Zimmer zeugen soll.


Einen Geheimtipp nutzend besuchen wir dann zur Stärkung den Gasthof Storchenturm in der Nähe der größten zusammenhängenden Jugenstil-Altstadt Eisenachs: Der Wirt und Pensionsbetreiber Peter Arends ist selbst passionierter Motorradfahrer, der schon so manche Tour als Guide begleitet hat. Er verzückt uns mit sagenhaft gut zubereiteten Ochsenbäckchen und lehrt uns, dass Thüringer Klöße nicht aufgeschnitten sondern mit Messer und Gabel aufgebrochen werden.


Anschließend lenke ich den Reisedampfer südwärts. Auf belebten Straßen und diesmal eher weniger hügelig ist Meiningen unser nächstes Ziel. Diese Kleinstadt hat sich in den vergangenen Jahren unglaublich entwickelt. Wir finden liebevoll restaurierte Fassaden historischer Gebäude, denen man ihre wechselvolle Geschichte kaum mehr ansieht. So passt es dann auch genau ins Bild, dass ich für unsere nächste Unterkunft Kontakt mit Uwe Klein aufgenommen hatte. Der gelernte Gastronom und Hotelier betreibt mittlerweile mehrere Hotels und Herbergen in Meiningen, denen eines gemeinsam ist: Sie befinden sich alle in alten, für die Stadt bedeutungsvollen Gebäuden. Diese hat Uwe Klein von Grund auf saniert und mit allen heute zeitgemäßen Annehmlichkeiten ausgestattet. In seinen Meininger Hotels mit Flair, die er überraschenderweise mit dem außergewöhnlichen Konzept einer Stiftung betreibt, kann er je nach Auswahl des Hauses sowohl verschiedene Komfortansprüche als auch unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten seiner Gäste bedienen: Von der Jugendherberge bis zum Schlosshotel deckt er die gesamte Spannbreite ab.




Natürlich lassen wir uns die Gelegenheit nicht durch die Lappen gehen und verbringen die nächste Nacht in einem kreisrunden und mit antikem Mobiliar ausgestatteten Turmzimmer von Schloss Landsberg, auf einem Berggipfel über der Stadt thronend. Hier erfahren wir einiges über die jahrhundertelange Geschichte dieses Hauses, bevor der zweite Tag unserer mit vielen Eindrücken gespickten Reise zu Ende geht.


Gestärkt vom abwechslungsreichen Frühstück im Schloss Landsberg starten wir in den dritten Tag unserer Motorrad-Rundreise durch Thüringen.

Wer über den Thüringer Wald spricht, denkt schnell auch an Suhl, die Kleinstadt mitten drin in den bewaldeten Erhebungen des Mittelgebirges. Motorradfreunde verbinden mit Suhl auch ein Stück ostdeutscher Fahrzeuggeschichte: Das Traditionsunternehmen AWO nahm unter russischem Einfluss schon Anfang der 50er Jahre den Bau von Kleinkrafträdern auf, bevor der Unternehmensname später in das heute noch bestens bekannte Simson umgewandelt wurde. Neben der kürzlich noch im Dresdner Verkehrsmuseum organisierten Privatausstellung historischer AWO-Motorräder zählt natürlich und vor allem das Fahrzeugmuseum Suhl zu den Orten, denen ein Motorradfan in Thüringen einen Besuch unbedingt abstatten sollte. Wir haben das Glück, dass sich der Museumsdirektor Joachim Scheibe, früher selbst ein leitender Angestellter des Simson-Werks, für uns Zeit nimmt. Interessant und spannend versteht er es, uns diesen Teil der deutsch-deutschen Geschichte des gegenseitigen Beobachtens und voneinander Lernens bei der Weiterentwicklung von Motorrädern nahe zu bringen. Die umfangreiche Ausstellung äußerst gut erhaltener Fahrzeuge lohnt darüber hinaus einen Besuch allemal.


Aber nicht nur als langjährige Quelle von Motorrädern, die das Verkehrsbild in der früheren DDR wesentlich prägten und auch heute noch zahlreiche Fans haben, hat sich Suhl einen Namen gemacht: Auch unter Waffenfreunden verursacht allein die Nennung dieses Städtenamens ein Zungenschnalzen. So verwundert es denn auch nicht, dass wir der Versuchung nicht widerstehen können das nur wenige Meter neben dem Fahrzeugmuseum befindliche Waffenmuseum ebenfalls aufzusuchen. Auch hier sind wir wir von der Präzision und Vielfalt der Handwerkskunst sowie den zahlreichen Einsatzmöglichkeiten ihrer Produkte angetan.

Nach den vielen Eindrücken bisher beschließen wir dann, dass nun das Motorradfahren wieder im Vordergrund stehen soll. So machen wir uns denn mit östlichem Kurs auf, um den Thüringer Wald zu durchqueren. Wir kreuzen auf geschlungenen Straßen und Wegen den Rennsteig des öfteren und verlieren bei dem ständigen Auf und Ab, den unzähligen Kurven und Kehren fast die Orientierung. Gut, dass wir die geplante Route in das Navi eingespeist haben und daher um so mehr die schöne und abwechslungsreiche Landschaft genießen können.


Manchmal tauchen wir auf den gewundenen Sträßchen völlig überraschend in einen Blätterdachtunnel ein. Dann wird es plötzlich dunkel und das Sonnenvisier will zügig nach oben geschoben werden. Kühl wird es in diesen Momenten und feuchter, intensiver Waldgeruch umgibt uns. Unterbrochen werden diese Eindrücke, wenn wir in die Wärme zwischen Sonnenblumenfeldern hinausfahren und die Augen wegen der gleißenden Farben des strahlend blauen Himmels und der leuchtenden Felder zusammenkneifen müssen.

Wir schlängeln uns an kleinen Gewässern entlang und steuern die Saalfelder Feengrotten an. Leider kommen wir wie in einem schlechten Film kurz nach einem Reisebus an, der wahre Massen von Besuchern ausgespuckt hat und unsere Wartezeit in den sonnenerhitzten Kombis inakzeptabel verlängert: Diese Sehenswürdigkeit bleibt für uns einem weiteren Besuch vorbehalten, während wir weiter nach Ostthüringen fahren.


Hier wartet ein weiteres Highlight auf Motorrad-Fans: Die Rennstrecke am Schleizer Dreieck wird nach wie vor regelmäßig für Motorradrennen genutzt und hat nichts von ihrem geschichtsträchtigen Glanz eingebüßt. Erneut haben wir Glück, denn unsere Wirtsleute für die folgende Nacht sind seit Kindheit in der Region ansässig, geradezu verrückt zu nennende Fans von Motorradrennen und nebenbei auch technisch in Bezug auf diverse Reparaturen, Lackierungen und sonstige Fahrzeugverbesserungen sehr beschlagen.

Mit dem Hotel Piccolo in Schleiz-Gräfenwarth betreibt die Familie Eismann eine Unterkunft, die ihren Namen zu Recht trägt: Nur 6 ganz individuell gestaltete Zimmer stehen hier zur Verfügung und verwöhnen die Gäste mit Gemütlichkeit. Der Innenhof lädt mit lauschigen Sitzplätzen ein, an denen man sich wieder den Leckereien der thüringischen Küche widmen kann. Welch Überraschung, die sich dann beim zwischenzeitlichen Aufsuchen der Örtlichkeit einstellt – mehr sei hier nicht verraten... Lange sitzen wir an diesem Abend mit den sympathischen Inhabern zusammen und tauschen unsere Erlebnisse aus, bevor uns die Müdigkeit nach einem wieder erlebnisreichen Tag übermannt.


Schneller als gedacht ist dann auch schon der letzte Tag unserer Thüringen-Rundreise angebrochen. Nach kurzer Abstimmung sind wir uns einig: Auch wenn die Göltzschtalbrücke nicht mehr in Thüringen sondern im unmittelbar angrenzenden sächsischen Vogtland liegt, möchten wir auch diese Eindrücke mitnehmen. Immerhin ist dieses imposante Bauwerk die größte vollständig aus Ziegelsteinen gemauerte Eisenbahnbrücke.

Von dort aus treten wir dann den Rückweg an, der uns zunächst wieder in Richtung Jena führt. Auch anschließend verzichteten wir nun auf die Autobahn und begleiteten sie lieber über die mehr oder weniger parallel laufenden Landstraßen, vorbei an der Burg Rabenstein bis Beelitz und von dort auf bekannten Pfaden wieder heimwärts.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich ein Thüringen-Besuch mit dem Motorrad schon für ein verlängertes Wochenende lohnt, aber dass deutlich mehr Zeit notwendig ist um die landschaftliche und kulturelle Vielfalt dieser Region ausschöpfen zu können. Der nahende Herbst mit seinen Farbenspielen in den Bäumen dürfte sich dazu bestens anbieten: Nach Summerfeeling lockt uns nun der Indian Summer nach Thüringen – wir sehen uns – an dem einen oder anderen Wochenende!

Literaturvorschläge:







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