In der vergangenen Saison haben wir uns ja bereits mehrfach mit dem Segment der Adventure-Helme befasst: Nach dem Touratech Aventuro Carbon, den wir als eine der ersten Redaktionen bereits im März 2015 vorgestellt hatten, haben wir uns dann im Juni mit dem BMW GS-Modell
auseinandergesetzt. Deshalb war klar, dass wir uns auch das
entsprechende Modell des namhaften Herstellers Arai, das Modell Tour-X4
näher anschauen würden, wenn wir es denn in die Finger bekommen. Schön,
dass uns auch das geglückt ist.

Der traditionsreiche japanische Hersteller beschreibt den Tour-X4 auf seiner Homepage wie folgt:
„BEREIT FÜR ALLES DENKBARE
Abenteuer,
die große Tour oder hartes Off-Road, der Arai Tour-X4 ist bereit für
jeden Einsatzzweck. Unser neuer Tour-X4 verfügt über eine komplett neue
Aussenschale. Neugestaltet, härter, fester und steifer als jemals zuvor.
Weil der Tour-X4 von vielen Nutzern unter härtesten Bedingungen
verwendet wird, wurde speziell das Belüftungssystem auf maximale
Effizienz hin überarbeitet. Die neuen Wangenpolster in FCS (Facial
Contour System) Bauweise bieten eine straffe Passform und stützen sich
entlang der Unterkieferlinie optimal am Gesicht ab. Zur individuellen
Anpassung an den jeweiligen Kopf besteht die Möglichkeit, die
serienmäßigen Wangen- und Kopfpolster um jeweils 5mm abzupolstern.
Natürlich sind auch Polster in unterschiedlichen Stärken optional
erhältlich. Tragen Sie den Tour-X4 mit oder ohne Schirm, mit oder ohne
Visier oder einer Kombination aus beidem. Die große Gesichtsfeldöffnung
bietet ebenfalls reichlich Platz für die Verwendung einer Cross-Brille.
Verfügbare Größen: XS bis XXL“

Das dazugehörige „Factsheet“ wird online leider nur in englischer Sprache unter http://www.araihelmet-europe.com/site/wp-content/uploads/Factsheet-TourX4-2013LR2.pdf angeboten; Interessierte können sich unter diesem Link gerne näher informieren.
Nachdem uns im Sommer bereits ein Jethelm-Modell
aus dem Hause Arai nur mittelmäßig überzeugen konnte, waren wir in
Bezug auf die Einsatzfähigkeiten des Tour-X4 schon mächtig gespannt.

Dementsprechend
kehrte dann auch bei diesem Modell relativ schnell ein wenig
Ernüchterung ein. Wer schon den einen oder anderen Helmtest von uns
gelesen hat, weiß, welche große Bedeutung fast das gesamte
Redaktionsteam von Motorrad-Tourer.com integrierten Sonnenvisieren
beimisst. Auch wenn wir sehr wohl wissen, dass es in der heterogenen
Motorradfahrerlandschaft auch andere Auffassungen gibt, ist dieses Tool
für uns ein kaum verzichtbares Sicherheits-Feature. Spätestens auf
Reiseetappen mit ständig wechselnden Lichtverhältnissen wie
beispielsweise wiederholten Tunneldurchfahrten bei ansonsten strahlendem
Sonnenschein ist für uns ein integriertes Sonnenvisier alternativlos.

Und
so war denn schon beim Auspacken des Tour-X4 klar, dass auch dieses
Modell keine Maximalbewertung würde erreichen können: Auch bei diesem
Modell verzichtet Arai auf eine integrierte Sonnenblende.

Ansonsten
hat uns das Dekor schon ziemlich aus den Socken gehauen: Selten haben
wir ein so gelungenes, dynamisches und gleichzeitig unaufdringlich
wirkendes Dekor auf einem Helm wie beim Tour-X4 in „Flare Sand“ gesehen.
Klar, dass diese Einschätzung ziemlich subjektiv ist, aber das ist die
Beantwortung einer Optikfrage naturgemäß immer. Uns jedenfalls gefällt
das Styling des Tour-X4 mit Abstand am besten von allen bisher
getesteten Adventure-Helmen.

Ähnlich
wie beim Aventuro Carbon von Touratech ist auch beim Tour-X4 das
Innenpolster am Hals sehr eng anliegend und vermittelt damit einen guten
Sitz. Auch der Stoff fühlt sich angenehm an und führt auch nach
längerer Benutzung zu keinerlei unangenehmen Missempfindungen. Toll
finden wir die Möglichkeit, durch optional erhältliche Wangen- und
Kopfpolster die Passform individuell gestalten und anpassen zu können.
In diesem Punkt werden wir an die bereits serienmäßige Ausstattung des
Aventuro Carbon erinnert, der diese Möglichkeit ebenfalls bietet.
Ebenfalls
als gute Idee werten wir das Notfall-System, mit dem nach einem
stattgefundenen Unfall Helfer mit wenigen Handgriffen einen Teil der am
Halsansatz befindlichen Polster bei noch aufgesetztem Helm entfernen
können. Allerdings gestaltete sich das bei unseren Versuchen – wie auch
bei anderen Helmen mit diesem Feature – nicht so ganz leicht: Je
nachdem, wie stark die Polsterungen und Schulterprotektoren der
Motorradjacke auftragen, kann es sein, dass diese Funktion im Ernstfall
auch nur begrenzt weiterhilft.

Das
dem Style eines Adventure-Helm entsprechende Sonnenschild kann, wie bei
allen Helmen dieses Segments, aus unserer Sicht nur begrenzt auf wenige
Einsatzgebiete einen halbwegs wirkungsvollen Sonnenschutz darstellen:
Wer im Stehen im Gelände unterwegs ist und dabei den Kopf etwas nach
unten gesenkt hat, obwohl er ja eigentlich nach vorne schauen sollte,
bei dem mag der Sonnenschirm in einigen Positionen den Augenbereich
beschatten. Im „normalen“ Tourbetrieb während der Reiseetappen wird der
direkte Sonnenschein nur zu oft Zugang zu den Augen der X4-Besitzers
finden.

Die Visier-Mechanik des
Tour-X4 wirkt stabil und ohne Klappern. Leider lässt sich das Visier
selbst nicht ohne Werkzeug wechseln oder abbauen, um beispielsweise mit
Brille zu fahren. Je Seite müssen zwei gut sitzende Schrauben mit einem
kleinen Schraubendreher oder dgl. aus- und wieder eingebaut werden. Wir
finden es auch gut, dass das Visier des Tour-X4 für den Einsatz eines
Pinlock-Systems vorbereitet ist und in der Serienausstattung bereits ein
solches Pinlock-Visier enthalten ist.

Freuen
wir uns bis dahin, dass die Belüftung des Tour-X4 auch das Fahren bei
höheren Temperaturen zulässt, ohne dass sich ein übermäßiger Hitzestau
einstellt. Leider geht diese positive Eigenschaft mit einem – natürlich
je nach Motorrad-Modell, Körpergröße und Sitzposition des Fahrers
unterschiedlich – lautem Windgeräusch einher. In diesem Punkt verliert man relativ schnell die Lust, den Tour-X4 auf einer langen Tagesetappe zu tragen.
Was
gibt es sonst zu sagen? Nun, der als besonders sicher geltende
Doppel-D-Verschluss, der wiederum in Sachen Komfort nicht jedermanns
Sache ist, ist vielleicht einer der auffälligsten Hinweise auf das
Hauptargument, mit dem sich Interessenten einem Helmmodell von Arai und
damit auch dem Tour-X4 nähern: Der Sicherheitsaspekt.

Der
japanische Traditionshersteller wird nicht müde, immer wieder auf seine
hohen und über die in Deutschland geltenden Sicherheitsanforderungen
für Motorradhelme hinausgehenden eigenen Maßstäbe hinzuweisen. Wer sich
mit dieser Thematik einmal näher befassen möchte, ist auf der
Hersteller-Homepage unter http://arai.de/about-arai-2/the-company/
gut aufgehoben. Für unseren Testbetrieb sind diese Argumente nur sehr
begrenzt heranzuziehen: Wir möchten in diesem Punkt bitte keinesfalls
falsch verstanden werden, wenn wir sagen müssen, dass diese Angaben zu
den eigenen Sicherheitsmaßstäben von Arai von uns nicht überprüft werden
können. Fast alle der angesprochenen Besonderheiten wie beispielsweise
der Durchschlagtest oder auch die angegebene größere Fallhöhe in den
unternehmenseigenen Tests sind für uns – im übrigen wie für jeden
potentiellen Interessenten ebenfalls - ohne eigenes Testlabor nicht
überprüfbar. Damit bleibt einem nichts anderes übrig, als daran zu
glauben, dass die Arai-Helme und damit auch der Tour-X4 besonders sicher
sind, oder eben nicht daran zu glauben. Der bloße Glaube kann aber kein
Testkriterium sein, so dass es uns schwer fällt, diese ja eigentlich so
bedeutsame weil zentrale Eigenschaft eines Helmes aus dem Hause Arai
realistisch berücksichtigen zu können.
Insoweit
bleibt uns nichts anderes übrig, als die für uns nachprüfbaren und oben
aufgeführten Aspekte zu berücksichtigen, auf dieser Basis das
Preis-Leistungs-Verhältnis zu bewerten und das Thema Sicherheit am Ende
in die alleinige Bewertung jedes einzelnen Interessenten zu legen.

Beim
Preis wird es dann nicht ganz leicht. Wer sich ein wenig umschaut,
findet momentan erstaunlich große Preisdifferenzen bei verschiedenen
Anbietern. Aber als grobe Orientierung sollten sich Interessenten für
den Tour-X4 im Dekor „Flare Sand“ auf etwa 700 Euro einstellen. Wenn wir
diesen Preis zugrunde legen und die in diesem Beitrag aufgeführten
positiven und weniger positiven Eigenschaften gegenüberstellen, dann
wird es in Puncto Preis-Leistungs-Verhältnis schwierig für den Tour-X4.
Allein die Optik hat uns subjektiv besser gefallen als bei dem Aventuro
Carbon von Touratech. Ansonsten kann der Tour-X4 nichts, was das
Touratech-Modell nicht auch kann, nur dass dieser in puncto Ausstattung
(serienmäßige Zusatzpolster, Kamerahalter, rückseitiger Brillenhalter)
noch etwas mehr bietet, obwohl er je nach Dekor zwischen 150 und 200
Euro günstiger zu haben ist. Damit hat der Tour-X4 keine Chance, an
unsere Bewertung des Aventuro Carbon heranzureichen.
Andererseits
ist seine Ausstattung besser als beim GS-Modell von BMW, er selbst ist
aber wiederum deutlich lauter als das bayerische Modell, nachdem man
dort das Kinnteil entsprechend präpariert hat. Dementsprechend ordnet
sich der Arai Tour-X4 in unserer Bewertung in etwa auf dem Level des BMW
GS-Modells ein und erzielt immerhin 3 von möglichen 5 LikeBikes.

Und
wie oben schon angedeutet: Je nachdem, wie man zu dem Sicherheitsaspekt
der Arai-Philosophie steht, kann das aus unserer Sicht ein sehr
nachvollziehbares Argument sein, mit dem so manch ein Interessent zu
einer deutlich besseren Bewertung des Tour-X4 für sich persönlich kommen
kann, insbesondere dann, wenn man die sogar 5-jährige Garantiezeit, die
der Hersteller bietet, berücksichtigt.
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