02.08.2013: Etappe 1 der „Carpe Carpati“
Endlich
geht es los! Schon seit Wochen freue ich mich auf das Vorhaben, die
Beskiden und den Karpatenbogen mit dem Motorrad zu erkunden. Und während
man sich auf vielen Motorradreisen immer mal wieder auf eine
regnerische Etappe einstellen muss, spricht die aktuelle Wetterprognose
bislang von durchgängig schönstem Hochsommerwetter, allerdings auch mit
Temperaturen von wahrscheinlich täglich über 30 Grad.
Quasi
als Aufgalopp steht eine relativ kurze Etappe von gut 250 Kilometer von
Berlin aus bis nach Görlitz an. Als Route entscheide ich mich gegen den
Autobahnverlauf und nutze lieber Landstraßen, um so durch den Spreewald
mit angenehmer Abkühlung durch die unzähligen wasserführenden Kanäle
und die schattenspendenden Bäume zu schwingen. Natürlich locken am Fuße
des großen Weidendoms in Schlepzig gemütliche Sitzplätze und lassen
einen über eine kleine Rast bei einem kühlen Bier nachdenken, aber dazu
liegen noch zu viele Kilometer vor mir.
Und
so folge ich dem Straßenverlauf und erreiche die Lausitz. Hier fahre
ich zwischen den zahlreichen, künstlich im ehemaligen Tagebaugebiet
angelegten Seen hindurch und schlängele mich durch die
abwechslungsreiche Landschaft. Über teilweise so schmale Straßen, dass
sich begegnende Fahrzeuge nur in extra dafür angelegten Ausweichbuchten
begegnen können, komme ich voran.
Kurz
vor Erreichen den Tagesziels gibt es einen schönen Ausblick auf die
Königshainer Berge und dann ist nach knapp fünfstündiger Fahrt die erste
Etappe auch schon vorbei. In der Nähe des Zentrums beziehe ich inmitten
des sehr gut erhaltenen Gründerzeitviertels mein Quartier und darf
sogar meinen Reisedampfer in der persönlichen Garage der Betreiber des
Gästehauses Lisakowski übernachten lassen: Das nenne ich mal Service!
Weitere Infos zum Streckenverlauf oder zum Download der Route gibt es nach einem Klick auf die Karte.
03.08.2013: Etappe 2 der „Carpe Carpati“
Die
für den kommenden Tag zu erwartende Hitze macht es möglich, dass die
bewährte 7-8-9-Regel (7 Uhr aufstehen, 8 Uhr frühstücken und 9 Uhr
starten) nach vorne verlegt wird. Schon etwa viertel vor 8 geht es
wieder los in Richtung Polen.
Nach
einem schnellen aber sehr schmackhaften Frühstück geht es von Görlitz
aus über die Grenze in den Nachbarort Zgorzelec. Beide Orte sind absolut
sehenswert und durchaus eine Reise wert. Auch wenn es so gar nicht zum
aktuellen Wetter passt, fälltl mir trotzdem ein, dass der Görlitzer
Weihnachtsmarkt auch sehr bekannt ist und sehenswert sein soll...
Apropos
Wetter: Morgens begleiten mich überaus angenehme etwa 20 Grad, nur der
wolkenlose Himmel deutet schon an, dass es nicht dabei bleiben würde.
Aber dazu später mehr.
Auf
den ersten Kilometern, nachdem ich die Stadt hinter mir gelassen habe,
denke ich, einen Vorgeschmack auf die berühmt-berüchtigten rumänischen
Straßen zu erhalten: Schlagloch reiht sich an Granulathaufen und oft ist
nicht zu erkennen, ob die Straße vor mir einfach nur mit sehr rauem
Asphalt versehen war oder ob tatsächlich kleine Steinchen verstreut
liegen. Hier zeigen meine neuen Pirelli Angel ST, dass Sie aus einem Reisedampfer auch keinen Gelände-Springbock zaubern können... müssen sie aber auch nicht.
So können dann so manches Mal die Bremsscheiben von Spiegler und die Sinter-Beläge von Ferodo
zeigen was in ihnen steckt. Bilde ich es mir jetzt nur ein, dass die
Kombination wesentlich knackiger, fast schon aggressiver zugreift? Oder
liegt das nur daran, dass ich in der letzten Zeit öfters meine K 1100 RS
gefahren bin, die hinsichtlich der Bremsen einfach mal zehn Jahre älter
ist? Ich werde das beobachten aber staune heute schon so manches Mal,
wie schnell ich vor manch überraschendem Schlagloch die Geschwindigkeit
noch ausreichend verringern kann.
Wohlbehalten
lege ich also dieses Teilstück zurück und werde anschließend mit so
feinen Straßen und schönen Aussichten verwöhnt, dass sich auch meine
Mundwinkel wieder von unten nach oben bewegen und dort fixiert bleiben.
Alte Burgruinen, natürlich zahlreiche, teils imposante Kirchen und vor
allem unerwartet auftauchende Weitblicke über Täler hinweg zu den
nächsten Gipfeln drohen, mich ein wenig abzulenken.
Zu
oft stehe ich in dem inneren Konflikt, lieber für ein schönes Foto
anzuhalten oder lieber weiterzufahren, sind doch immerhin etwa 420 km
über vorwiegend kleine Straßen zurückzulegen. Und das bei Temperaturen,
die nun mal nicht so entspannt bleiben, wie sie am Morgen noch waren.
Ein
dann doch nur kurzer Stopp in Ząbkowice Śląskie (Frankenstein) erlaubt
mir einige wenige Fotos vom dortigen schiefen Turm. Wie man erahnen
kann, gibt es den also nicht nur in Pisa. Das Witzige ist, bis heute
weiß man nicht, zu welchem Zweck das Ding gebaut wurde. Aber immerhin
betrug die Abweichung von unten nach oben 1997 noch 1,98 Meter, jetzt
sind es schon 2,12 Meter... Ob das man gut geht?
Dann
geht es hinaus ins Flachland und die Passagen werden weniger
interessant. Der Puls geht erst wieder kurz vor Erreichen des Tagesziels
in die Höhe. Warum?
Nun,
etwa drei Wochen vor dem Tourstart hatte man in Gliwice (Gleiwitz) beim
Neubau einer Umgehungsstraße ein Grab mit über vierzig Skeletten
gefunden, ohne dass an dieser Stelle jemals ein Friedhof bekannt war.
Das Besondere daran war aber, dass (je nach Quelle) 8 bis 12 dieser
Skelette abgetrennte Köpfe, die zwischen den Beinen positioniert waren,
und zusätzlich mit Steinen beschwerte Hände und Füße aufwiesen. Dies
deute, so erste Überlegungen, auf ein Grab möglicher exekutierter
Vampire hin. Und da nun eine Tour in die Karpaten immer auch einen
thematischen Bezug zu Vampiren aufweist, war mein Interesse geweckt.
Tatsächlich
ist ein überaus engagierter und freundlicher Mitarbeiter des örtlichen
Tourismusbüros auch am Samstag bereit, mich zu der Fundstelle zu führen
und Fotos zu ermöglichen, auch wenn die Skelette schon in ein
archäologisches Institut zur Untersuchung abtransportiert sind. Schade,
dass ich unterwegs zu sehr getrödelt habe und dann meine Ankunftzeit am
späten Nachmittag in Gliwice mit den Arbeitszeiten des zuständigen
Bauingenieurs nicht zusammenpasst. Dieser hatte immerhin bis mittags auf
mich gewartet und sein wohlverdientes Wochenende aufgeschoben. So
bleibt mir nur die Zusage des engagierten Mitarbeiters des
Tourismus-Büros, dass ich am Montag einige Fotos hier zur
Veröffentlichung zur Verfügung gestellt bekäme. Das möchte ich dann auch
gerne tun:
Aber
warum macht das nun am Nachmittag einen erhöhten Puls bei mir? Nun, bei
der Etappenplanung hatte ich den Baustellenbesuch schon berücksichtigt
und mir ein Hotel in der Nähe der Fundstelle gesucht. Aber dass das
Hotel Malinowski quasi mitten in dieser Baustelle liegt und nur entweder
über eine reisedampfer-untaugliche Sandpisten-Baustellenzufahrt oder
mit etwa 15 km Umweg erreichbar ist, musste ich erst vor Ort
herausbekommen.

Immerhin
haben mich dann Freundlichkeit und Service des Personals sowie das
leckere Essen auf der gemütlichen Terrasse des hauseigenen Restaurants
allemal entschädigt: So kann man sich gut für die nächste Tagesetappe
erholen und vorbereiten...
Die Route gibt es wieder nach Anklicken des folgenden Bildes bei meinen Partnern von CheckMyTour.net:
04.08.2013: Etappe 3 der „Carpe Carpati“
Aufgrund
der gestrigen, recht guten Erfahrungen mit dem zeitigen Start geht es
heute sogar noch etwas früher auf Tour. Nach der Stippvisite in Gliwice
nehme ich nun wieder Kurs auf die weiter südlich liegenden Beskiden und
die Hohe Tatra. Dabei sind die ersten gut 100 km bis auf ganz wenige
Ausnahmen weder von der Landschaft noch fahrerisch erwähnenswert.
Erst
hinter Bielsko-Biala beginnt die bergige Gegend wieder und macht beim
Fahren Spaß. Überrascht werde ich während eines kleinen Schlenks durch
die Slowakei von einem großflächigen See, dem Orava Stausee: Kleine
Segelboote waren nicht unbedingt das, womit ich in der Slowakei
gerechnet hatte. Fast vollständig umrunde ich diesen in der Grenzregion
von Polen und der Slowakei gelegenen See und genieße in der Folge das
sich am Horizont abzeichnende Panorama des Naturparks Hohe Tatra.
Nachdem
mich meine Strecke wieder zurück nach Polen gebracht hat, dauert es
nicht mehr lange bis zum Erreichen des Ferienortes Zakopane. Der Wald,
durch den die Straße führt, öffnet sich und gibt den Blick frei für die
zum Greifen nah erscheinenden Berge dieser Region.
Und
der Hinweis, den ich am Vorabend von einem Facebook-Freund erhalten
hatte, bewahrheitet sich: Auch die Polen machen Ferien und bevölkern
diesen eigentlich als Wintersportmetropole bekannten Ort auch bei
hochsommerlichen Temperaturen. Gehwege und Straßen sind brechend voll
von Menschen und Fahrzeugen und ich bin heilfroh, als ich aus diesem
Gewimmel wieder herauskomme. Die Straßen sind nun gesäumt von den
typischen Häusern der Gegend mit ihren spitzen, tief heruntergezogenen
Dächern und den mehrfachen Dach-Absätzen an den Fassaden zwischen den
Etagen.
Außerdem begleiten mich unzählige farbige Tupfer am Straßenrand und leuchten kräftig in der Sonne.
Ich umfahre den Naturpark Hohe Tatra und bekomme dann noch einen tollen Blick auf die Lomnitzer Spitze (Lomnický štít), die mit etwas über 2.600 Metern der zweithöchste Berg der Slowakei ist.
Beziehungsweise mal aus einem anderen Blickwinkel:
Vorbei an Poprad fahre ich dann meinem Tagesziel in Kosice entgegen. Auf dem Weg dahin fesselt mich schon von weitem die
Zipser Burg (Spišský hrad) und lässt mich während des Näherkommens
mehrfach anhalten, um dieses beeindruckende Bauwerk trotz leicht
diesiger Luft wenigstens einigermaßen fotografisch einzufangen. Wer mehr
über dieses Bauwerk erfahren möchte, findet auf http://www.spisskyhrad.sk/de.html eine umfangreiche Zusammenstellung von Informationen.
So
erreiche ich dann am frühen Nachmittag mit Kosice mein Tagesziel und
werde mir das von den Rezeptionisten meines Hotels empfohlene Abendleben
in den wohl zahlreichen Straßencafés der Altstadt in Ruhe ansehen, eh
es morgen dann dem Verlauf des Karpatenrings folgend in die Ukraine
gehen soll.
Der
heutige Streckenverlauf sowie die downloadbaren GPS-Daten gbt es wieder
durch Anklicken des Bildes bei meinen Partnern von CheckMyTour.net:
05.08.2013: Etappe 4 der „Carpe Carpati“
Nach
einem Spaziergang durch die Altstadt vorbei an der Kathedrale habe ich
dann den Abend in einer Bar neben dem Stadttheater bei einer reichlich
dimensionierten Pizza ausklingen lassen... und den Durst davon die ganze
Nacht über behalten. Aber irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen
sein, denn ich werde von einem mir nur noch aus lange zurückliegenden
Zeiten bekannten Geräusch wach.
Es
dauert etwas, bis ich dieses Geräusch zuordnen kann. Und doch: Es sind
tatsächlich Regentropfen, die auf mein aufgestelltes Dachfenster des
Hotelzimmers klatschen und schon bald in einen Trommelwirbel übergehen.
Bis ich das realisiert habe und aufgesprungen bin, um meinen Verdacht zu
überprüfen, ist eigentlich schon wieder alles vorbei. Während einige
hundert Meter weiter die Fassaden von der Morgensonne angestrahlt
werden, schwebt über uns eine einzige tiefschwarze Wolke, die den Job
des Weckers übernommen hatte und mich über den Tag länger als gedacht
begleiten sollte.
Ein
kleines Frühstück für mich und ein paar Öltropfen für den Boxermotor
meines Reisedampfers später geht es dann auch um 7 Uhr schon wieder auf
die Piste. Immerhin wartet an diesem Tag die große Unbekannte mit der
ukrainischen Grenze und den so oft schon gehörten zum Teil stundenlangen
Wartezeiten auf mich, und zwar bei Ein- und Ausreise an einem Tag
gleich zweimal.
Während
die Entfernung auf der Karte wie etwa 70 – 80 Kilometer wirken, werden
es dann durch Nutzung schöner kleiner, verträumter Straßen im Osten der
Slowakei doch etwa 120 km. Je weiter man nach Osten kommt, desto
einfacher wirken die Häuser, strahlen aber dennoch eine liebevolle
Wirkung aus. Sie wirken trotzdem gepflegt, ebenso wie die mit vielen
blühenden Pflanzen versehenen Gärten. Der Verkehr nimmt immer weiter ab,
bis ich die letzten Kilometer bis zur Grenze allein auf weiter Flur
bin.
Die
ganze Zeit über fahre ich der Regenwolke von heute morgen hinterher.
Und immer, wenn ich ihr ein wenig zu nahe komme, lege ich einfach einen
Fotostopp ein: Diese Taktik gelingt durchgehend, bis sich unsere Wege
irgendwann zum Glück dauerhaft trennen.
Angekommen
am Kontrollpunkt bin ich noch immer fast allein: 3 Fahrzeuge sind nur
vor mir. Aber das muss ja bekanntlich nichts heißen. Doch, was soll ich
sagen: Nur 20 Minuten nach meinem Eintreffen am slowakischen Grenzposten
verabschiedet mich der ukrainische Grenzbeamte unter Aushändigung
meiner Papiere mit einem „Good luck“ und ich habe es geschafft!
In
der Ukraine wartet mit Uzhhorod gleich eine etwas größere Stadt auf
mich. Und schon der Stadtverkehr mit seinen zahlreichen kleinen Bussen,
vielen Schildern und nicht immer ganz klar erkennbaren Fahrspuren stellt
ein Kontrastprogramm zu den ruhigen letzten Kilometern in der Slowakei
dar.
Natürlich trifft man hier allerorts auf farbenprächtige Kirchen.
Und
es dauert gar nicht lange, bis ich verstehe, was mit den Warnungen vor
dem ukrainischen Straßenverkehr so gemeint ist: Da gibt es die
Hinweisschilder auf eine nahende Straßenbaustelle mit
Geschwindigkeitsreduzierung auf 40 km/h. Ein paar Meter weiter sehe ich,
wie die rechte Fahrbahn mit einigen aufgestellten Hütchen wegen der
gerade laufenden Ausbesserungsarbeiten am Straßenbelag geschlossen wurde
und der Verkehr auf die linke der beiden Fahrspuren geleitet wird. Aber
noch VOR diesen Hütchen tauchen plötzlich zwei etwa 60 mal 60 cm große
Schlaglöcher auf, die, obwohl in ihnen schon etwas heiß-dampfender
Bitumen eingefüllt wurde, noch immer locker 10 – 15 cm tief sind!
Und
am Ende der Baustelle bekomme ich zu spüren, dass ich besser in einen
Raketenantrieb für meinen Reisedampfer investiert hätte: Das zügige,
schon wieder auf der rechten Fahrbahn angekommene Beschleunigen reicht
einem Ingolstädter Geländewagen mit gelb-hellblauem linken
Kennzeichenfeld nicht aus. Und da ich offenbar in seiner Ideallinie
fahre, spüre ich seinen nur wenige Zentimeter an meinem linken
Außenspiegel vorbeifliegenden Fahrtwind erst, als er auch schon vorbei
ist. Das meinen also einige Tippgeber mit "wenig Rücksicht der Ukrainer
für Motorradfahrer"...
Dafür
sind die Straßen lange Zeit in einem ganz ordentlichen Zustand und
lassen es zu, dass ich mich entspannt ein wenig links und rechts umsehen
kann. Dort sehe ich Frauen, die ihre im Garten hinter dem Haus
angebauten Obst- und Gemüsesorten am Straßenrand feilbieten. Meist
sitzen sie in der Nähe unter dem Schatten eines Baumes auf einem Schemel
oder einer kleinen Bank. Und manchmal riskiert ein Stammkunde, dass
sich für gute Ware auch ein kleiner Stau ergeben kann...
Ich
sehe ältere Männer, die große Heuballen auf klapprigen Fahrrädern am
Straßenrand offensichtlich kilometerweit bis zum nächsten Ort schieben.
Ich sehe unzählige Pferdefuhrwerke, die ebenfalls Heuvorräte oder Korn-
bzw. Mehlsäcke transportieren.
Und
überall in den Orten stehen Menschen zusammen und unterhalten sich: an
einem Gartenzaun drei Frauen mit gefüllten Lebensmittel-Tüten, dort vier
Männer, die gemeinsam den Straßengraben vor den Häusern entkrauten,
also gut: einer entkrautet, drei unterhalten sich. In Deutschland kann
man in manchen Regionen durch Orte fahren und fragt sich, ob dort
überhaupt jemand wohnt, weil man niemanden sieht.
Und
dann, ganz unvermittelt und überraschend aus dem Nichts heraus, erlebe
ich sie: Die berühmt-berüchtigten Schlaglochpisten. Etwa die letzten
dreißig Kilometer auf der Fernverkehrs- und Europastraße vor der Grenze
nach Rumänien zeigen wirklich alles. Wir reden nicht nur von einzelnen,
besonders großen bzw. tiefen Schlaglöchern Nein, wir reden von
Streckenabschnitten, die nur aus Schlaglöchern bestehen. Da wird aus
einer Motorradfahrt ganz schnell eine Trial-Übung oder ein
Geschicklichkeits-Parcours. Für beides eignen sich bekanntlich mein
Reisedampfer und dessen Fahrer nur sehr begrenzt. Dementsprechend hatte
ich in dieser Phase meist mit anderen Dingen zu tun, aber ein kurzes und
beispielhaftes Video möchte ich niemandem vorenthalten:
Dann ist es geschafft und der Grenzübergang nach Rumänien taucht vor mir auf, welche Erlösung!
Und
wieder dauert es insgesamt nur 30 Minuten bis ich nach Rumänien
einreisen darf. Damit bin ich wohl der Glückspilz des Tages und freue
mich, an den Grenzen nicht unnötig Zeit verloren zu haben.
Und
als ob die Rumänen zeigen wollten, dass ihre Straßen die besseren
seien, erwartet mich ein frisches, fast noch warmes und glattes
Asphaltband auf den ersten Kilometern. Das hält auch eine ganze Weile
an, bis es wieder einmal eine Überraschung gibt: Die bislang so
wunderbar asphaltierte Straße endet genau an einem Hinweisschild, dass
der bisherige Abschnitt mit EU-Fördergeldern errichtet wurde, und
wechselt unverhofft in eine festgefahrene Schotterpiste.
Das
ist bekanntlich gar nichts für den Reisedampfer und mich und so breche
ich nach einem knappen Kilometer den Versuch ab, das Dickschiff auf
offroad-tauglichem Geläuf zu bewegen. Der Umweg beschert mir einige
ungeplante Kilometer aber vor allem atemberaubende Anblicke: Die D109 F
führt mich durch beeindruckende Schluchten, die so manch einem
Fotoshooting für Bekleidungs-Kataloge gut zu Gesicht stünden: Großartige
Location und traumhaftes Fahrgefühl!
Und überall diese für unsere Augen eher ungewöhnlichen Heuhaufen
So
erreiche ich denn etwas später als gedacht mein Tagesziel im Black
Tulip Hotel in Dej, wo man sichtlich um mein leibliches Wohl bemüht ist
;-)
Morgen
steht dann die Mammut-Etappe auf dem Plan, hoffentlich machen die
Straßenverhältnisse keinen Strich durch die Rechnung. Den Link zu den
GPS-Daten der heutigen Etappe gibt es jedenfalls hier. Viel Spaß beim Stöbern.
06.08.2013: Etappe 5 der „Carpe Carpati“
Heute
mache ich mich auf die Etappe mit der wahrscheinlich längsten
Reisedauer: 500 km komplett über Landstraßen fordern ihre Zeit: Mein
ansonsten recht realistisches Navi schätzt knappe 8 Stunden Fahrt und
weiß noch nichts von meinen Fotostopps... Also tausche ich wieder das
Frühstück gegen ein Lunchpaket und starte schon um kurz nach halb sieben
Ortszeit. Durch die in Rumänien geltende Zeitverschiebung ist das nach
unseren Verhältnissen kurz nach halb sechs.
Dementsprechend erwartet mich auch ein schöner Sonnenaufgang, auf den ich direkt darauf zu fahren darf.
Die recht große Tagesetappe ergibt sich aus zwei Umständen: Zum einen habe ich von dem imposanten Stausee IIzvorul Muntelui bei Bicaz gehört, der mich natürlich ebenso interessiert wie der wohl ebenso sehenswerte Bicaz-Canyon. Beides liegt im Osten von Rumänien.
Zum
anderen benötige ich aber eine strategische Übernachtung, weil ich am
kommenden Tag die Transfagarasan-Hochstraße befahren und mich auf
Schloss Dracula nach Vampiren umsehen möchte ;-) Beides liegt eher
südlich, so dass ich nun einen Bogen zunächst in östlicher, später in
südlicher Richtung fahren werde.
Schon
gleich nach dem Start spüre ich die frühe Uhrzeit: Geprägt von den über
30, ja manchmal sogar etwa 40 Grad der vergangenen Tage kommen mir die
aktuellen etwa 17 Grad geradzu kühl vor. Das mag auch daran liegen, dass
meine Rukka-Kombi „Airod“
mit ihrem extrem luftduchlässigen Material bei den heißen Temperaturen
beste Dienste liefert, ohne die ich nicht sicher bin, wie ich die
Etappen durchstehen würde. Aber, wenn man bei über 30 Grad in dieser
Kombi gefühlt quasi im T-Shirt fährt, dann tut man das halt auch bei 17
Grad...
Kurz
überlege ich, ob ich das wasserdichte Gore-Tex-Inlet einziehe. Da sich
dieses aber vergraben in den hintersten Kofferecken befindet, siegt die
Faulheit: Ein kurzer Knopfdruck und schon fährt die Touring-Scheibe
meines Reisedampfers ein paar Zentimeter nach oben, ohne dass ich
anhalten muss. So lässt sich die erste Stunde des Tages gut aushalten.
Aus
den Erfahrungen des Vortags habe ich gelernt und die Straßen aus meiner
Route gestrichen, die in meiner Karte „weiß“ eingezeichnet sind. Bei
diesen Straßen weiß man in Rumänien halt vorher nicht so genau, woran
man ist: Sie können bestens asphaltiert sein, sie können aber auch zu
einem Freudenfest für Reiseenduros ausarten. So halte ich mich heute
denn lieber an die etwas größeren Straßen und fahre damit, bis auf
einige stirnrunzelnde Baustellen, auch ganz gut. Insbesondere auf der
D15A finden aktuell zahlreiche Bauarbeiten statt, aber die schon
fertiggestellten Abschnitte lassen erkennen, welches Zungenschnalzen
hier künftig möglich sein wird.
Überhaupt
haben die Rumänen ganz offensichtlich erkannt, dass sie in ihr
Straßennetz dringend investieren müssen: Neben so mancher
Flickschusterei sehe ich aber auch auf vielen Strecken komplett neu
aufgebrachte Deckschichten, die völlig glatt und ohne Einschränkung
pures Fahrvergnügen bieten. Wie das nach dem nächsten Frosteinruch
aussehen wird, vermag ich natürlich nicht abzuschätzen.
Auf
dem Weg in die Gegend rund um Bicaz fasziniert mich das pittoreske
Örtchen Herina: Hier stehen bestens erhaltene, farbenfrohe und sehr nett
anzusehende Häuser links und rechts der belebten Straße. Verständlich,
dass man hier wohl gerne zum Bummeln und Shoppen her fährt.
Diejenigen,
die von der Umfahrung des Stausees bei Bicaz schwärmen, verheimlichen
aber ein anderes Spektakel: Die D15 schlängelt sich hinter Toplita
parallel zu einem quicklebendigen Wasserlauf durch ein wunderschönes
Tal. Hier macht es Sinn, immer mal wieder anzuhalten, um durch das
Bestaunen der Umgebung nicht die Straße zu sehr aus den Augen zu
verlieren. Schroffe, steil aufragende Felsen, das schaumig-sprudelnde
Wasser mit den darin stehenden, hoffnungsvollen Anglern und urige
Brücken, auf denen immer wieder die schon erwähnten Pferdefuhrwerke zu
sehen sind, fangen mich ein.
Auf
dieser traumhaften Strecke wird irgendwann die Erkenntnis überdeutlich
in meinem Kopf: Bei diesem Sonnenschein ist das eine Motorradtour in
Perfektion!
Derart
„angefasst“ werde ich dem Stausee wahrscheinlich nicht wirklich
gerecht: Ja, er ist ganz nett und von einigen Stellen der Strecke
rundherum hat man auch einen ganz guten Ausblick. Aber mit meinen
Erlebnissen wenige Kilometer zuvor kann das für mich nicht mithalten,
sind doch nun mal Geschmäcker verschieden.
So
gehe ich dann auch das nächste Vorhaben an: Ob der Bicaz-Canyon
wirklich so spektakulär ist? Die Antwort lautet schlicht und ergreifend:
JA!
Ich
habe mal versucht, ein paar Videoaufnahmen aus zwei verschiedenen
Perspektiven (seitlich an der Motorradverkleidung nach vorn mit der
Midland XTC-280, wie schon bei dem „Schlaglochclip“ der 4. Etappe und
rückwärts auf meinem Schuberth C3 Pro mit der Rollei Bullet 5S. Die
Ergebnisse werde ich nach meiner Rückkehr auf meinem Video-Rechner
checken und ggf. als Video-Clip veröffentlichen und hier einpflegen.
Demzufolge habe ich ich mit dem Anfertigen von Fotos etwas zurückgehalten, hier gibt es nun einige Impressionen.
Also,
der Bicaz-Canyon ist, auch wenn er heute sehr durch Touristen (zähle
ich eigentlich auch dazu? Nein, bestimmt nicht...) überlaufen war, eine
unbedingte Empfehlung für jeden, der einmal in der Gegend unterwegs ist.
Am besten, man plant so eine bis eineinhalb Stunden ein, dann hat man
eine gute Chance, den relativ kurzen Streckenabschnitt mit dem Motorrad
zu durchfahren und danach zu Fuß mit ein wenig Ruhe zu erkunden und
Fotos zu machen.
Damit
sind die Highlights des heutigen Tages auch schon komplett und es steht
lediglich noch die Anreise nach Brasov an, von wo es dann morgen auf
„Vampir-Jagd“ gehen soll. Nach ziemlich genau zehn Stunden bin ich dann
bei mittlerweile wieder 40 Grad froh, so früh gestartet zu sein und nun
aber auch anzukommen. Den Streckenverlauf und einige weitere Bilder gibt
es wieder nach Anklicken des Bildes auf CheckMyTour.net:
07.08.2013: Etappe 6 der „Carpe Carpati“
Langsam
gewöhne ich mich an die besonders frühen Startzeiten, wird es doch
mittags mit etwa vierzig Grad regelmäßig unangenehm warm. Auch wenn ich
bis jetzt noch immer nicht so genau weiß, warum ich mich bei meinem
aktuellen C3 Pro von Schuberth für einen weißen Helm entschieden habe,
genieße ich nun dessen Vorzüge um so mehr: In der Vergangenheit habe ich
meistens schwarze oder anthrazitfarbene Helme bevorzugt, merke nun
aber, wie groß die Vorteile eines weißen Exemplares bei
Dauersonnenschein sind.

Ich
fahre in südwestlicher Richtung aus Brasov heraus in Richtung des für
uns so ähnlich klingenden Ortes namens Râsnov. Hier komme ich an der auf
einem Hügel erbauten Bauernburg vorbei.
Von
hier aus geht es weiter ins siebenbürgische Bran (Törzburg). Das
gleichnamige Schloss wird gern als das Schloss Dracula dargestellt,
weist es doch einige Ähnlichkeit mit den Darstellungen im gleichnamigen
Roman auf. Auch wenn man nicht so genau weiß, ob es sich tatsächlich um
das „richtige“ Schloss handelt, schau ich es mir doch gerne einmal etwas
genauer an.
In
jedem Fall ist es von innen und außen ganz nett anzuschauen. Nach
meinem Rundgang sind die Temperaturen mittlerweile wieder angestiegen,
wie man an so manch einem Tier auch gut erkennen kann.
Um
auf meiner Tagesetappe voranzukommen, folge ich von Bran aus der 73 und
deren verschlungenen Pfaden zunächst weiter in südwestlicher Richtung.
Als ich hinter Campulung dann in westliche Richtung auf die 73C
wechsele, nimmt die Straßenqualität leider wieder ab und die
zahlreichen, teils unvermittelt auftretenden Schlaglöcher fordern volle
Aufmerksamkeit. Aber die wunderschöne Landschaft entschädigt für vieles,
während ich ein Tal nach dem anderen durchquere.
In Cueta de Arges biege ich nun auf die 7C in nördliche Richtung ab: Ab hier beginnt die berühmte Transfagarasan (Transfogarascher) Hochstraße,
eine der beiden Panorama- und Hochgebirgsstraßen Rumäniens, die die
Walachei und Siebenbürgen über das Transfagarasan-Gebirge miteinander
verbinden..
Auf den folgenden 152 km entdecke ich während einer weiteren Taldurchquerung ein hoch auf dem Felsen gelegenes Castell.
Dann
erlebe ich ein wahres Naturschauspiel: Schroffe, steile Felswände, an
denen sich die Transfagarasan Etage um Etage hinaufschraubt, halb
ausgetrocknete Wasserläufe und dicht zusammenrückende Felsen. Ich hoffe,
dass meine auch hier eingeschalteten Action-Cams brauchbares Material
geliefert haben, um die atemberaubende Schönheit dieses
Streckenabschnitts wiedergeben zu können.
Das Video dazu ist unter https://vimeo.com/72599371 zu sehen.
Ich erreiche die große Vidradu-Talsperre,
die allerdings an diesem Tag von Besuchern übervölkert ist, so dass ich
hier nicht anhalte. Es folgen wunderschöne kurvige Strecken entlang des
Stausees von viel angenehm kühlendem und schattenspendendem Wald
umgeben.
Hier und da rinnt ein kleiner Wasserfall am Straßenrand von den steinigen Felsen herab.
Und
dann beginnt die Anfahrt zum eigentlichen Höhepunkt: Bis auf
beeindruckende 2042 Meter Höhe schraubt sich die Straße und gibt dabei
eine ergreifende Rückschau auf die schon bewältigten Etagen frei:
Wunderbar kann man an vielen Stellen der Strecke wieder hinunter in das
Tal blicken, in dem der Aufstieg begann, und dabei die vielen Ebenen
bestens erkennen, in denen der Straßenverlauf die Höhe meistert.
Oben
angekommen erreicht man den höchsten Punkt an einem Tunnel durch das
Bergmassiv. Aber erst nach dessen Durchquerung kommt man an die Stelle,
die viele sicherlich schon von Bildern aus kennen.
Und auch ich widerstehe nicht der Versuchung einer bleibenden Erinnerung.
Selten
haben mich Landschaften so stark berührt, wie vor allem der Anstieg zum
höchsten Punkt der Transfagarasan-Hochstraße und auch die nun folgende
Abfahrt über die kurvenreiche Strecke. Diese wird auch gerne von unten
betrachtet als die „Straße in den Himmel“ bezeichnet. Die Schönheit der
Natur an dieser Stelle ist für mich fast schon spürbar und hinterlässt
einen tiefen Eindruck in mir. Für mich zählt dieser Ort zu den wenigen
absoluten „Must-Haves“ für Motorradfahrer und ich bin glücklich und
dankbar, jetzt hier gewesen zu sein. Leider können die Bilder mit ihrer
zweidimensionalen Ausrichtung und damit der fehlenden räumlichen
Tiefenabbildung nicht im Ansatz das transportieren, was an diesem Ort
wirklich zu sehen und zu erleben ist: Das ist wirklich etwas, dass man
unbedingt selbst erlebt haben sollte.
Nach
diesem Höhepunkt erreiche ich dann schon bald mein Tagesziel. Leider
habe ich dieses Mal mit der Auswahl meiner Unterkunft nicht so viel
Glück gehabt, wie an den Tagen zuvor. Nicht, dass die Zimmer des Hotels
Premier in Sibiu irgendwie „schlecht“ wären. Aber die leider
auftretenden Probleme mit dem hoteleigenen W-Lan, die einen echten
„Live-Bericht“ auf dieser Etappe verhindern, sind nur ein Teil der sich
ergebenden Schwierigkeiten: Dass die einzige Möglichkeit, etwas zu in
der Nähe zu essen zu bekommen, eine Döner-Bude ist, stört ich kaum. Aber
dass mein Motorrad schon bald nach meiner Ankunft und dem Abstellen auf
einem vom Hotelpersonal zugewiesenen Platz völlig zugeparkt ist, macht
mich im Hinblick auf den auch für den kommenden Morgen geplanten
zeitigen Start ein wenig unruhig. Zwar verstehen die Rezeptionisten
meine Sorge, aber der den gesamten Nachmittag und Abend über vor dem
Hotel herumlaufende, mit zahlreichen Menschen redende und Barbeträge
austauschende Hotelchef braucht dafür etwas länger. Dafür hat er mir
zunächst auch einen höheren, als über die Online-Buchungsmaschine
vereinbarten, Zimmerpreis in Rechnung gestellt. Das fällt mir erst ein
wenig später auf, als ich merke, gar keine Rechnung bekommen zu haben.
Auf
beides angesprochen beginnt der Hotelchef eine Diskussion mit mir, die
mich daran zweifeln lässt, ob das alles ein gutes Ende nehmen wird. Und
nachdem er zunächst den Zimmerpreis von mir sehr gerne in Euro,
allerdings zu keinem ganz marktgerechten Umrechnungskurs, genommen hat,
erfolgt nun die Rückzahlung in Lei zu einem für mich noch ungünstigeren
Umrechnungskurs...
Und
dass das Ausschreiben der Rechnung dann beide Rezeptionisten überaus
unsicher wirken lässt und etwa 10 Minuten dauert, wirft bei mir die
Frage auf, wann in diesem Hotel wohl die letzte Rechnung ausgestellt
wurde... Ich habe jedenfalls für mich beschlossen, um dieses Haus einen
großen Bogen zu machen, sollte es mich noch einmal in diese Gegend
verschlagen.
Nun
denn, jedenfalls sind die GPS-Daten zur Überquerung der
Transfagarasan-Hochstraße durch Anklicken des Bildes im Portal von
CheckMyTour.net abrufbar.
08.08.2013: Etappe 7 der „Carpe Carpati“
Der
Wecker klingelt um 5:15 Uhr Ortszeit, das ist in Deutschland gerade mal
4:15 Uhr. In einer Dreiviertelstunde bin ich mit zwei englischen
Motorradfahrern auf dem Hotelparkplatz verabredet, weil mittlerweile
mein Motorrad ihre beiden Bikes zuparkt und sie noch vor mir starten
wollen: Respekt! Pünktlich spiele ich Volksbank und mache den Weg für
die beiden Richtung Ungarn frei.
Ich
selbst kümmere mich erst einmal um das Frühstück und starte dann eine
gute halbe Stunde später. Dennoch, denke ich, früh unterwegs zu sein,
aber die Fülle auf der 7 bzw. E81 erinnert mich daran, dass es Zeit für
den Berufsverkehr ist. Zahlreiche PKWs und gefühlt noch mehr LKWs sind
mit mir zusammen unterwegs. Dass dies kein all zu großes Problem sein
muss, dazu später bei den noch folgenden allgemeinen Infos zu
Rumänien-Reisen mehr.
Die
Strecke ist trotzdem sehr schön mit entspannt geschwungenen Kurven, die
sich dem Verlauf der Olt, einem Nebenfluss der Donau, anpassen. Im
Licht der frühen Morgensonne erscheint so manch kleines Frühnebelfeld,
suchen sich die Sonnenstrahlen ihren Weg durch die tief gestaffelt
stehenden umliegenden Berge. Sie machen ein warmes Licht, das die Herzen
der Fotografen höher schlagen lässt.
Bei
Gora Lotrului bekomme ich in einem weit geschwungenen Halbkreis eine
tolle Panoramaperspektive im Licht der noch immer tief stehenden
Morgensonne.
Ich
folge der Straße in südlicher Richtung, weil ich heute nach der
gestrigen Transfagarasan die zweite hochalpine Panoramastraße Rumäniens,
die Transalpina, unter die Reifen nehmen möchte. Dazu muss ich zunächst
erneut in die Walachei, um dann wiederum nach Siebenbürgen
zurückzukehren. Das scheint zwar ein wenig hin und her gefahren zu sein,
entspricht aber meinem Hauptziel, mich in den Karpaten zu bewegen.
Bis
Brezoi folge ich dem geschwungenen Verlauf der 7, um dann westlich auf
der 7A in ein kleines, ruhiges Tal mit nur wenigen, verträumten Örtchen
abzubiegen. Ein Denkmal im Ortszentrum zeigt, wie man sich hier richtige
Männer vorstellt ;-)
Jetzt
folge ich dem Wasserlauf der Lotru bis zum Bradisor-Damm. Dieser
schließt einen Stausee ein, der sich im Morgenlicht zu einem wahren
Fotomodell entwickelt.
Noch
auf der 7A erklettert mein Reisedampfer nordwestwärts einige
Serpentinen. Schon seit geraumer Zeit bin ich keinem Fahrzeug mehr
begegnet, weder im Gegenverkehr noch in der eigenen Fahrtrichtung. Und
plötzlich weitet sich die überwiegend bewaldete Strecke und gibt einen
Ort preis, der auch durch seine Fernsicht, vor allem aber durch etwas
anderes fesselt: Sobald ich dem Boxer eine Verschnaufpause gönne und der
C3 Pro ein wenig auslüften darf, bemerke ich die ungewöhnliche Stille:
Nur
das Knirschen meiner Schuhe auf dem teilweise herumliegenden Granulat,
während ich auf der Suche nach dem richtigen Plätzchen für ein Foto bin,
unterbricht diese fast schon spürbare Stille.
Ich höre die um die blühenden Blumen herumkreisenden Bienen auch aus mehreren Metern Entfernung.
Der
brechende Zweig unter meinen Füßen, als ich mich zum Fotografieren ein
wenig von der Straße entferne klingt fast wie eine Explosion.
Und
dann, lange bevor ich es sehen kann, höre ich das fast schon störende
Motorengeräusch eines sich die Steigung hochquälenden PKWs. Ich verweile
ein wenig an diesem idyllischen Ort, bevor auch ich die Ruhe durch das
Anlassen meines Motors jäh unterbreche.
Jetzt bin ich nur noch wenige Meter vom Vidra-See entfernt, an dessen Ufer ich den ersten Hinweis zur Transalpina entdecke.
Kaum
ist das Foto im Kasten und ich steuere den Reisedampfer um die Kurve,
wartet die erste Überraschung auf mich: Unerwartet hört die Bitumendecke
mal wieder auf und gibt den Weg für Freunde der Schotterpisten frei.
Was die Strecke nicht wissen kann: Mein Reisedampfer hat sich ja
mittlerweile in eine Art getarnte Reise-Enduro entwickelt und versteckt
nur ihr wahres Gesicht. So kann uns auch diese Überraschung, die nicht
die letzte bleiben wird, nicht aufhalten.
In
Obarsia Lotrului zweigt dann die eigentliche Transalpina mit der D67C
rechts ab. Leider steht auf dem Hinweisschild in rumänischer Sprache,
dass die Strecke gesperrt sei. Zur Sicherheit frage ich zwei leidlich
englisch sprechende Rumänen an der Kreuzung, die mein Problem allerdings
nicht wirklich verstehen, würde doch ein anderer Weg zu meinem Zielort
Deva viel kürzer sein... Aber dennoch versichern sie mir, die Strecke
sei frei und komplett asphaltiert, es würde keinen Schotter geben.
Das
deckte sich mit meinen Informationen, nach denen die Strecke seit 2012
komplett asphaltiert sei. Nun muss man wohl komplett asphaltiert
definieren, denn es gibt, vor allem im südlichen Teil, zahlreiche, zum
Teil mehrere hundert Meter lange Passagen, die für Offroad-Freunde
übriggeblieben sind. Außerdem gibt es unzählige kleine, etwa 2 – 5 Meter
lange Abschnitte, die ebenfalls aus Schotter bestehen, so dass
demzufolge immer wieder ein Abbremsen wegen der mit dem Bodenbelag
verbundenen Unebenheiten und Schlaglochgefahr notwendig wird.
In
weiten Teilen, vor allem im nördlichen Abschnitt, ist sie aber mit
feinstem Belag versehen. Zufällig hatte ich auch genau in diesem
Abschnitt einen offensichtlich ortskundigen rumänischen Motorradfahrer
vor mir, an dessen Fersen ich mich gut heften und damit die Kurvenhatz
genießen konnte. Obwohl die Strecke insgesamt ganz schön zu fahren ist,
hat sie mich nicht vergleichbar mit der gestrigen Transfagarasan
angefasst. Vielleicht habe ich aber auch nur die falsche Reihenfolge
gewählt? Egal, ich bin dennoch froh, auch diese Straße gefahren und die
Gegend damit kennengelernt zu haben.
Und
am Ende einer Reise – ab morgen geht es dann wieder Richtung Heimat –
wollte ich doch auch gerne einmal so wie rumänische Könige unterkommen:
Ein wenig Abwechslung muss sein - http://www.villavenus.ro/en/index.php
Die GPS-Daten zur Etappe gibt es wie immer nach Anklicken des Bildes:
Und wer noch immer nicht genügend Bilder von der Carpe Carpati #CC2013 gesehen hat, wir hier fündig.
11.08.2013: Heimreise von der „Carpe Carpati“, allgemeine Informationen und Fazit
Nun bin ich wieder zurück von der #CC2013, nachdem ich die Heimreise vom rumänischen Deva aus in zwei Etappen angetreten bin.
Zunächst
geht es am Freitag früh etwa 200 km über Landstraßen bis an die
ungarische Grenze, um von dort an die Autobahn bis Bratislava erneut bei
Temperaturen um die 40 Grad zu nutzen.
Die Route ist wieder bei CheckMyTour.net unter http://www.checkmytour.net/pages/tourdetails?id=D67B8776-3FEE-4194-B7F0-8A2D4C788EB3 nachvollziehbar.
Am
Abend und in der folgenden Nacht erlebe ich ein eindrucksvolles
Gewitter, das die Temperaturen deutlich sinken lässt. Bei anfangs mit
dunklen Wolken bedecktem Himmel starte ich dann am Morgen des Samstags
die letzte Etappe mit vorsorglich eingeknüpfter Gore-Tex-Membran in
meiner Rukka-Kombi. Bei Prag sinkt die Temperatur dann auf nur noch
knapp 15 Grad und ich mache das Undenkbare: Ich schalte die Griffheizung
an meinem Reisedampfer ein, weil es mit den luftigen Sommerhandschuhen
definitiv zu kühl wird. Auch muss noch schnell eine Softshell-Jacke eine
zusätzliche Wärmeschicht liefern, bis ich dann bei Dresden in sonnigere
Gefilde komme und auf beide Arten der Aufwärmung wieder verzichten
kann.
So
komme ich nach acht Tagen und mit knapp 4000 km mehr auf der Uhr sowie
vielen Eindrücken wieder in Berlin an und die Route befindet sich unter http://www.checkmytour.net/pages/tourdetails?id=85FE1814-CBD5-4D1D-9D95-43528A95AEE8
Allgemeine Informationen:
Zunächst
ist das rumänische Fremdenverkehrsamt in Deutschland für die
Vorbereitung völlig ungeeignet. Eine äußerst schlecht gemachte und
inhaltsarme Homepage verdient es nicht einmal, hier Erwähnung zu finden.
Auf E-Mail-Anfragen erhielt ich keine Antwort und meine mehreren
telefonischen und persönlichen Kontaktversuche scheiterten, weil zu
keinem Zeitpunkt jemand erreichbar war.
Ganz anders dagegen die Kollegen in Österreich: Unter www.rumaenien-info.at findet man eine gute Informationszusammenstellung für die ersten Überlegungen: Danke nach Österreich!
Ansonsten
gibt es natürlich zahlreiche persönliche Berichte im Netz, aus denen
man sich etwas heraussaugen kann. Der aktualisierte Reiseführer des
Berliner Trescher-Verlags zu Siebenbürgen ist leider etwas zu knapp vor meiner Tour erschienen, kann aber vielleicht Interessenten künftig weiterhelfen.
Als Karte empfehle ich die Karte „Rumänien-Moldawien“ von Freytag & Berndt
, die nach meinen Recherchen mit einem Maßstab von 1:500 000 eine der
detailliertesten der handlichen faltbaren Karten darstellt.
Ferner gibt es etwas zu der Verkehrssituation in Rumänien zu sagen:
Zunächst
waren auf den von mir gewählten Strecken die Straßenverhältnisse nicht
immer perfekt, aber deutlich besser, als man allerorts lesen und hören
kann. Das mag aber auch daran liegen, dass ich bis auf wenige
anfängliche Erfahrungen die weiß in der o. g. Karte eingezeichneten
Straßen vermieden habe. Dennoch kann es immer wieder und unverhofft
geschehen, dass Schlaglöcher, teils mit einem einfach davor
aufgestellten Schild „gesichert“, teils völlig ungesichert vor einem
auftauchen. Insofern ist aufmerksames und vorausschauendes Fahren hier
besonders gefordert. Letztendlich sind die Strecken aber - im Gegensatz
zu manch anders lautenden Meinungen – sehr wohl auch für nicht
(Möchtegern-)Offroad-geeignete Motorräder zu bewältigen.
Ansonsten
kenne ich kein Land, in dem so viele Überholverbotsschilder und deren
Auflösungsschilder aufgestellt sind, wie in Rumänien: Hersteller von
Verkehrsschildern müsste man hier sein... Und anscheinend gab es diese
beiden Modelle in Großkundenmengen besonders günstig... Das heißt aber
nicht, dass sich die Verkehrsteilnehmer konsequent daran halten. Ich
habe mir vielmehr eine Theorie zu den Bedeutungen der
Fahrbahnmarkierungen zurechtgelegt:
Eine
doppelte durchgezogene Linie bedeutet, dass man beim Überholen sehr
aufmerksam sein sollte (vor allem als Fahrzeug, das gerade überholt
wird), weil hier eine Unfallgefahr besteht. Bei einer einfachen
durchgezogenen Linie wird halt schlicht und ergreifend überholt und bei
gestrichelten Mittellinien MUSS in jedem Fall überholt werden. Diese
etwas überspitzte Darstellung soll keineswegs zu verkehrswidrigem
Verhalten animieren, sondern vielmehr sensibel dafür machen, was man vor
Ort zu erwarten hat. Dennoch habe ich auf allen Strecken zusammen
lediglich einen Autounfall mit Blechschäden an drei Fahrzeugen, und das
auch noch mitten in der Stadt, gesehen.
Ferner
sollte man sich auf jegliche Art frei herumlaufender Tiere einstellen:
Pferde, Kühe, Schafe laufen oftmals kilometerlang allein auf oder an den
Straßen entlang, herumtollende Hunde, gerne in kleinen Rudeln zu dritt
oder viert, sind in vielen Orten etwas Alltägliches. Aber irgendwie
scheinen alle Tiere instinktiv zu wissen, dass sie um Fahrzeuge besser
einen Bogen machen, es gab keine Situation, die mich auch nur
ansatzweise in Not gebracht hätte.
Hinsichtlich
der Reisezeit kommt es darauf an, was man vorhat: Die beiden
Panomastraßen Transalpina und Transfagarasan sind witterungsbedingt nur
von Juni bis Oktober geöffnet. In dieser Zeitspanne kann es ordentlich
heiß werden, wie ich ja auch erfahren durfte. Aber wie in jedem anderen
Gebirge auch, kann das Wetter schnell mal kippen und einen kräftigen
Regenschauer ausschütten. Davon blieb ich erfreulicherweise vollkommen
verschont.
Bezogen auf meine Route kann ich folgende Hotelempfehlungen abgeben:
Gästehaus Lisakowski
in Görlitz: einfache aber sehr preiswerte Unterkunft mitten im
Gründerzeitviertel, etwa 15 Fußminuten von der Altstadt entfernt und mit
Blick für die Bedürfnisse von Motorradfahrern
Hotel Malinowski
in Gliwice, liegt etwas uninteressant in einem Gewerbeviertel, aber
trotz günstigen Preises sehr flexibler und engagierter Service, gutes
eigenes Restaurant
Best Western in Kosice
Black Tulip in Dej
Pesuinea Leo in Brasov, auch eher etwas einfacher, aber sehr freundlich und zuvorkommend
Villa Venus in Deva
Nicht empfehlen kann ich dagegen das Hotel Premier in Sibiu.
Fazit:
Mit
dieser Reise wollte ich erneut versuchen aufzuzeigen, dass man sich
auch als „Otto-Normalverbraucher“ ohne besonders viel Zeit und
finanzielle Mittel seine Motorradträume erfüllen und scheinbar zu weit
entfernte Reiseziele ansteuern kann. Natürlich liegt für die meisten von
uns Rumänien nicht um die Ecke, aber dieses Beispiel zeigt, dass eine
Woche Urlaub ausreichen kann, um mit dem Bicaz-Stausee und -Canyon, der
Transalpina und der Transfagarasan gleich vier Highlights dieses so
naturreichen Landes besuchen kann. Dabei ist bis auf die Etappe Richtung
Bicaz auch die tägliche Kilometerleistung bzw. die notwendige Fahrzeit
nicht exorbitant hoch: Ich gelte nicht als besonderer „Raser“, sondern
zähle eher zu den ruhigeren Fahrern, und wenn man dann bei den
Statistikdaten jeder Etappe auf CheckMyTour.net noch die jeweilige Zeit
für meine recht häufigen Foto- und Videostopps berücksichtigt, wird die
Machbarkeit der Etappen deutlich.
Ich
empfehle also jedem, sich nicht so sehr zu erklären, warum man dieses
oder jenes Ziel doch nicht werde mit dem Motorrad erreichen können,
sondern sich zu überlegen, wie man sich die Erfüllung eines
Motorradtraums selbst ermöglichen kann. Man wird feststellen, dass viel
mehr gehen kann, als man anfangs für möglich hält. Und die Eindrücke
einer solchen Reise bleiben lange haften und stellen tolle Erinnerungen
dar. Ich jedenfalls bereue keinen Kilometer, nicht einmal die letzten
dreißig vor der ukrainisch-rumänischen Grenze ;-)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen