Aus
den Niederlanden ist ein ganz besonderes Produkt auf den deutschen
Markt gekommen: Reevu hat nun den ersten Klapphelm mit eingebauter
Spiegeltechnologie für die rückwärtige Blickführung auch während der
Fahrt entwickelt. Zu dem FSX-1 findet man auf der Hersteller-Homepage
folgende Informationen:

„Nach
dem MSX1 Integral hat Reevu aktuell auch den ersten Systemhelm mit 363°
Rundumsicht zur Serienreife gebracht – den Reevu FSX1 Systemhelm. Auch
hier gilt: Ein kurzer Blick nach oben – und Sie haben alles gesehen, was
Sie sehen müssen.

Ein
besserer Überblick nach hinten senkt die Unfallgefahr. Nicht nur diese
lebensrettende Technologie, sondern noch viel mehr innovative
Eigenschaften machen jeden Reevu-Helm zum idealen Kopfschutz für
Motorradfahrer.

Der
FSX1 verbindet das einzigartige Sicherheitskonzept zusätzlich mit dem
Komfort eines Systemhelms – und macht ihn so zur ersten Wahl für die
Vielfahrer unter den Motorradfahrern: Tourer und Motorrad-Reisende.
• AUSSEHEN
Der Reevu FSX1 Systemhelm ist in zwei Farben, Weiss und Schwarzmatt, verfügbar.
• SICHERHEIT
Auch
der FSX1 übertrifft die Anforderungen aller weltweit geltenden
Sicherheitszertifikate, denn bei Unfällen ist das optische System eine
zusätzliche Knautschzone. Der Helm erfüllt zudem ohne Einschränkungen
die aktuelle europäische Norm ECE-R22.05.

• VISION-SYSTEM
Das
Vision-System besteht aus reflektierendem, unzerbrechlichem
Polykarbonat (ABS) und gibt dem Fahrer somit ein deutliches Straßenbild,
während die Sicht nach vorn nicht behindert oder unterbrochen wird.
Dadurch kann der Motorradfahrer mit einem Blick die gesamte Verkehrslage
um ihn herum erfassen.
• MATERIAL
Der
Duroplasthelm ist ein so genanntes Tri fibre composite. Er besteht aus
Duromeren in mehreren Materialschichten. In der Außenschale sind
Glasfaser, Kevlar und Karbon verarbeitet.

• KOMFORT
Bei
der Helmgestaltung wurde sehr auf den Tragekomfort geachtet; das
Innenfutter ist vollständig herausnehmbar, waschbar und sehr hygienisch.
• VISIER
Sowohl
das vordere als auch das hintere Visier besteht aus einem Material, das
nicht beschlägt und kratzfest ist – so profitieren Sie von einer
besonders langen Nutzungsdauer. Die Helme werden von uns ausschließlich mit klarem Visier vorne und hinten geliefert. Das Visier des FSX1 ist bereits Pinlock-vorbereitet.
• BELÜFTUNG
Der
Reevu-Helm ist mit dem technisch hochwertigen, patentierten
Venturi-Lüftungssystem ausgestattet. Ein Luftein- und ein Luftauslass
sorgen nicht nur für Kühlung, sondern gleichzeitig auch dafür, dass
eventuell entstandene Kondensfeuchtigkeit direkt aus dem optischen Teil
des Helms entweichen kann.

• VERSCHLUSS
Der FSX1 schließt mit einem Rastensystem. Dadurch lässt sich der Helm schnell auf- und auch wieder absetzen.
• AERODYNAMISCHE EIGENSCHAFTEN
Der
Motorradhelm wurde in verschiedenen Windkanälen ausführlich getestet,
um ausgezeichnete aerodynamische Eigenschaften zu garantieren.“

Neben
dieser besonderen Spiegeltechnologie fällt an dem Helm vor allem sein
überaus geringes Gewicht auf: Lediglich 1550g sind für einen Klapphelm
außergewöhnlich wenig.
Ferner muss man wegen der Spiegeltechnologie auf ein integriertes Sonnenvisier verzichten.

Schon
gleich zu Beginn der praktischen Erprobung traten erste Schwierigkeiten
mit dem FSX-1 von Reevu auf: Im Frühjahr konnte man ihn lediglich auf
zwei Motorradmessen anprobieren. Ich habe das in Dortmund versucht und
erlebte dabei eine gehörige Überraschung: Eigentlich benötige ich die
Helmgröße 56/57, aber selbst die kleinste vorhandene Größe des FSX-1,
immerhin eine 52/53, war mir insgesamt zu groß, der Helm ließ sich viel
zu sehr und viel zu leicht auf meinem Kopf hin und her bewegen.
Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, dass der eher kurz
geschnittene Helm im Bereich des seitlichen Übergangs vom Unterkiefer
zum Hals durchaus etwas weiter hinunterreichen dürfte. Nun denn, etwas
dickere Wangenpolster sollten eine bessere Passgenauigkeit bringen.
Leider warte ich noch heute auf diese.
Also
habe ich versucht, auch ohne diese dicken Polster einige Kilometer mit
dem FSX-1 zurückzulegen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Diese Kilometer
waren eine einzige Enttäuschung!

Zunächst
haben sich die Befürchtungen hinsichtlich der Passform in vollem Umfang
bestätigt: Mir ist nicht klar, welche Kopfform man haben soll, damit
dieser Helm passen kann. Am Übergang vom Unterkiefer zum Hals ist er
definitiv zu kurz und lässt sogar zu dem an meiner Rukka-ARMAS-Jacke
angebrachten und hoch schließenden Windstopper-Kragen einen Spalt
nackter Haut frei, die so dem Fahrtwind ausgesetzt ist. Irgendwo dort
pfeift auch der Wind schon bei geringen Geschwindigkeiten in den Helm
hinein und entwickelt dadurch eine erhebliche Geräuschkulisse.
Ansonsten
ist das Innenfutter dieses als Größe 52/53 gekennzeichnete Helms trotz
meiner Kopfgröße von 56/57 derart wenig passend und viel zu weich, dass
sich während der Fahrt geradezu Luftwirbel im Helm bilden: Meine für die
Navi-Ansagen angestöpselten Ohrhörer, die ich während solcher
Testfahten regelmäßig unter dem Helm trage, wurden durch diese
Verwirbelungen gelockert und sogar ein kleines Stückchen aus den Ohren
herausgezogen. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt!

Das
Hauptargument für diesen Helm aber ist seine eingebaute
Spiegelkonstruktion. Nach einigen geduldigen Justierungen im Ruhezustand
stieg die Spannung, wie gut dieses System während der Fahrt zu nutzen
sein würde. Hier traten mehrere Schwierigkeiten auf:
Zunächst
steht konstruktionsbedingt durch die Ausgestaltung des in die
Helmschale integrierten Spiegelkanals unabhängig von der tatsächlichen
Größe des stirnseitig angebrachten Spiegels eine funktionale
Spiegelfläche von lediglich etwa 1 x 5 cm zu Verfügung. Die restliche
Spiegelfläche, insbesondere der jeweils linke und rechte Rand, gibt
nichts von der hinter einem befindlichen Fläche preis. Die kleine
tatsächlich nutzbare Spiegelfläche führt aber dazu, dass schon bei
leichten Kopfbewegungen, vor allem nach oben oder unten, die
Blickrichtung nicht mehr stimmt und ich somit einen Hauch von Himmel
oder einen Hauch meiner eigenen Sitzbank erahnen konnte. Dieses Problem
wird durch die schlechte Passform und die daraus resultierenden
Bewegungen des Helmes auf dem Kopf bei unterschiedlichen
Geschwindigkeiten bzw. Windverhältnissen noch verstärkt.
Wegen
des während der Fahrt vorhandenen Sonnenscheins habe ich – nicht
zuletzt auch infolge der fehlenden Sonnenblende im Helm – eine
Sonnenbrille genutzt. Der obere Teil des Brillengestells war dann bei
den Versuchen, im Spiegel etwas zu erkennen, meist im Weg. Abhilfe
schufen nur ausweichende Kopfbewegungen, die aus Gründen der
Verkehrssicherheit inakzeptabel lange Blickführungen weg von der Straße
hin zum Spiegelsystem erforderten. Außerdem nahm die der
Verkehrssituation ansonsten sehr angepasste Tönung meiner Sonnenbrille
vom Spiegelsystem so viel Licht weg, dass – wenn überhaupt – dort nur
schemenhafte Umrisse zu erahnen waren.
Auch
dadurch war ich regelmäßig zu lange abgelenkt und konnte den Blick
nicht ausreichend auf die Verkehrssituation VOR dem Motorrad ausrichten.
Insofern verbirgt sich nach meiner Einschätzung hinter dem
theoretischen Vorteil dieser Spiegelidee in der tatsächlichen Ausführung
eher eine Pseudo-Sicherheit, die aber tatsächlich die Gefahr eines
Unfalls infolge eingeschränkter Konzentration für die Verkehrssituation
vor dem Motorrad eher vergrößert.
Aber
auch hinsichtlich seiner Verarbeitungsqualität hat der FSX-1 bei mir zu
viele Fragezeichen hinterlassen: Dass er sich für mich nicht wertig
anfühlt, dass sein ansonsten ja überaus positiv geringes Gewicht in
Kombination mit dem Eindruck von wenig hochwertigen Materialien und
Klappern an den beweglichen Teilen etc. nicht zu überzeugen vermag, kann
noch in die Schublade der subjektiven persönlichen Wahrnehmung gelegt
werden: Vielleicht würden andere Nutzer dieses Helms das auch anders
empfinden und beurteilen.

Aber
als nach nur einer Testfahrt und ohne, dass der Helm heruntergefallen
oder irgendwo angestoßen ist, ein Defekt oberhalb der unfunktionell
kleinen Kopfbelüftung festzustellen ist, hat dies nichts mehr mit nur
subjektiven Eindrücken zu tun.

Hier
entsteht bei mir der Eindruck, als würde sich Material von innen nach
außen bewegt haben, vielleicht so, als wenn dort eine Naht bestünde, die
sich aufgeworfen hat. Ich finde diese Frage derart interessant, dass
ich den Helm zusammen mit meinen Eindrücken an den Hersteller zur
Überprüfung zurücksenden werde: Ich bin gespannt, ob mir transparent und
offen die Möglichkeit eingeräumt wird, den Untersuchungen beizuwohnen
und zu erfahren, welches Problem hier bestand.
Insgesamt
hat mich der Reevu FSX-1 in keinem Punkt überzeugen können. Vielmehr
haben mich die mit einer unfallträchtigen Ablenkung einhergehenden wenig
überzeugenden Nutzungsmöglichkeiten des Spiegelsystems sowie der jetzt
eingetretene Defekt an der Helmschale ohne äußere Einwirkung geradezu
erschreckt. In der Kombination aller Eindrücke und Erfahrungen mit dem
Reeu FSX-1 ist für mich keine andere Bewertung als 0 von 5 möglichen
„Like-Bikes“ zu rechtfertigen.

Update 15.07.2013:
Fast
8 Wochen ist es nun her, dass ich meine wenig erfreulichen Erlebnisse
mit dem FSX-1 von Reevu veröffentlichte. Noch am 23. Mai 2013 selbst
habe ich den niederländischen Importeur informiert und unter Hinweis auf
meine Veröffentlichung darum gebeten, an den Untersuchungen des
Schadens am Helm teilnehmen zu dürfen.
Genau
drei Wochen später, nämlich am 13.06.2013, ging bei mir eine E-Mail des
Importeurs ein, der meinen negativen Eindruck vom Helm bedauerte.
Leider habe man kein eigenes Testlabor zur Verfügung, sei aber an einem
Gespräch mit mir interessiert und wolle sichergehen, dass mir kein
Vor-Serienmodell vorgelegen habe. Wie man dies erreichen wolle und wie
man der Ursache des Schadens auf die Spur kommen wolle, wurde nicht
thematisiert. Außerdem bat man mich um Vorschläge für mögliche
Gesprächstermine.
Noch
am selben Tag und keine halbe Stunde später habe ich mit mehreren
Terminvorschlägen reagiert und ggf. um Alternativvorschläge gebeten,
falls keines meiner Angebote umsetzbar sei. Auf eine Antwort warte ich
aber leider noch bis heute!
Somit
wurde bislang keiner meiner Zweifel an der Qualität dieses Helms
ausgeräumt. Zu allem Überfluss stellen sich bei mir nun noch weitere
Fragezeichen ein: Was für einen Service hat eigentlich der „normale“
Kunde im Reklamationsfall zu erwarten, wenn schon die von mir
angesprochenen Probleme nunmehr fast 8 Wochen lang ungelöst
fortbestehen? Was macht ein solcher Kunde, der, im Gegensatz zu meiner
komfortablen Situation, auf einen Helm angewiesen ist, der
wahrscheinlich sein einziger sein dürfte?
Bei
diesen Fragen ist dann auch Reevus momentanes Vertriebskonzept für
Deutschland zu berücksichtigen: Nahezu ausschließlich erfolgt der
Vertrieb über an einigen Hotels angegliederte Helmtestcenter, in denen
verschiedene Modelle vor Ort zur Probe gefahren werden können. Ob man
bei diesem aus meiner Sicht an sich sehr löblichen Ansatz auch auf eine
fachkundige Beratung vor Ort zählen darf, vermag ich nicht
einzuschätzen. Aber wie ist die Situation dann im Falle einer
Reklamation? Wer ist für den Kunden der Ansprechpartner, wer fühlt sich
für die Regulierung verantwortlich und wie wird diese sichergestellt?
Heute
werden viele Produkte nur über das Internet und damit ohne persönliche
Beratung durch Fachleute vor Ort verkauft. Ob in diesem Zusammenhang der
Kauf eines Helms eine eher beratungsintensive Angelegenheit ist, die
man besser mit entsprechender Beratung beim Händler vor Ort erledigt,
oder ob man auch getrost online aktiv werden kann, das mag bitte jeder
für sich entscheiden. Aber zumindest für Gewährleistungsansprüche bedarf
es konkreter Verantwortlichkeiten und eines zügigen und
unbürokratischen Handlings, sofern man Kunden dauerhaft binden möchte.
Ob Reevu das wird leisten können, bleibt für mich nach meinen
Erfahrungen zweifelhaft.
Wie
heißt es als Fazit in solchen Situationen gerne? Sowohl das Produkt als
auch der Service haben noch extrem viel Spielraum nach oben... aber
nach meinen Erlebnissen auch noch einen weiten Weg zurückzulegen.
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